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Dokumentation einer explorativen Annäherung an den Forschungsgegenstand

Bezug zu kirchenrechtlichen Rechtsgebieten

Der Bezug der medial aufgearbeiteten Themen zu kirchenrechtlichen Fragestellungen erweist sich somit als unterschiedlich ausgeprägt. Es lassen sich in Abstufung drei Bezugsqualitäten herausarbeiten:

Kirchenrecht und kirchenrechtliche Fragen werden explizit angesprochen: das ist in der Berichterstattung über fünf Themen der Fall.

Kirchenrecht und kirchenrechtliche Fragen werden indirekt berührt, nicht aber explizit angesprochen: das geschieht in der Berichterstattung über drei Themen.

Es liegt kein Bezug zu Kirchenrecht und kirchenrechtliche Fragen vor: drei Themenkomplexe erwiesen sich als rechtsfreie und -ferne Materie.

Dieses Dreierschema lässt sich wohl auf alle Berichte, in denen kirchliche Themen verhandelt werden, anwenden. Die Stichprobe ist viel zu klein, um über die allgemeine Verteilung der drei Qualitäten etwas Repräsentatives auszusagen. Die vorliegend festzustellende Verteilung fünf/drei/drei lässt vermuten, dass alle drei Bezugsqualitäten relativ gleichmäßig vertreten sein werden. Ob der Überhang der Meldung mit explizitem Kirchenrechtsbezug im konkreten Fall repräsentativ oder dem Zufall geschuldet ist, kann nicht geklärt werden. Allerdings kann die Menge der Meldungen mit explizitem kirchenrechtlichem Gehalt als Aufweis dienen, dass ausreichend Material zum Zweck der Untersuchung der medialen Funktionszuweisung an das Kirchenrecht zur Verfügung steht. Das ermöglicht, bei der Untersuchung die nur indirekt kirchenrechtliche Fragen berührenden Berichte zu vernachlässigen und das Hauptaugenmerk auf das explizit erwähnte Kirchenrecht zu legen. Vorliegend wird dementsprechend in der weiteren Betrachtung die Berichterstattung, die unmittelbar Kirchenrecht und kirchenrechtliche Fragen berührt, herausgegriffen. Die Themen sind vielfältig und beziehen sich auf verschiedene kirchenrechtliche Rechtsgebiete. Eines ist strafrechtlicher Natur – Lösen einer Kirchenstrafe, einige beziehen sich auf das Verfassungsrecht – Amtsverzicht, Leitung eines Bistums während bischöflicher Sedisvakanz, Bischofsernennung –, Verkündigungsrecht wird bei der Frage nach der Verbindlichkeit theologisch-lehramtlicher Aussagen ins Spiel gebracht, indirekt ist damit auch die Gehorsamspflicht der Gläubigen angesprochen, gleichermaßen Rechte und Pflichten von Klerikern und Laien sind bei der Zölibatspflicht und den Mitbestimmungsrechten von Laien berührt, Sakramentenrecht bei der Frage der Frauenordination, eine verfahrensrechtliche Angelegenheit bildet das Selig- und Heiligsprechungsverfahren. Die Materie ist also abwechslungsreich. Ebenfalls vielseitig sind die Tendenzen und Wertungen, die in den Beiträgen über den rechtlichen Gehalt vermittelt werden – wenngleich die ARD-Berichterstattung in keinem Fall einen neutral-informierenden Ton vermissen lässt. Im Bericht „Wichtiger Beitrag im Kampf gegen Antisemitismus“ wird die Aussage des Papstes, eine Schuldzuweisung an die Juden für Jesu Tod sei nicht zutreffend, positiv gewürdigt. Dies wird in Kontrast gestellt mit päpstlichen Äußerungen und Handlungen, die sich für das Verhältnis von Kirche und Judentum als kontraproduktiv erwiesen hätten, u. a. die Aufhebung der Exkommunikation des Holocaustleugners Richard Williamson. Der Akt des Lösens einer Kirchenstrafe stellt in diesem Zusammenhang einen Akt von Recht, zugleich aber auch von Ungerechtigkeit dar. Ein rechtlicher Akt und damit Kirchenrecht wird in diesem konkreten Zusammenhang als moralisch fragwürdig konnotiert.

Weitaus umfassender sind die kirchenrechtlichen Bezüge in der Berichterstattung über den Amtsverzicht des Berliner Erzbischofs. Mit offensichtlich großem Interesse an den rechtlich geordneten Vollzügen, durch die der Zeitraum von bischöflichem Amtsverzicht bis zur Ernennung eines neuen Diözesanbischofs Struktur erfährt, wird in neutral-informierendem Stil über die einzelnen Schritte aufgeklärt. Das Recht selber, durch das der Übergang Regelung findet, übernimmt dabei die Funktion der (Re)Konstruktion von Institution, hier der Teilkirche, es dient der Bildung kirchlicher Struktur, verleiht der Kirche eine konkrete hierarchische, funktional ausdifferenzierte Form.

Anders der Tenor in Bezug auf das Memorandum Freiheit und die Forderung namhafter CDU-Politikerinnen und -Politiker nach Abschaffung des Zölibats. Die Forderung der Abkehr von der Zölibatspflicht für Kleriker, die Entscheidung zugunsten der Frauenordination und die umfassendere Beteilung von Laien an kirchlichen Entscheidungsprozessen werden im Zusammenhang der Berichterstattung, wenngleich zurückhaltend, als Desiderat konnotiert. Hingegen erweist sich die herrschende Rechtslage in der Kirche als kritisch zu bewerten. Das geltende Recht erfährt vor diesem Hintergrund eine Färbung als ein Regelsystem, das überkommenen Traditionen verhaftet eine überkommene Kirchenordnung zu bewahren sucht.

Abermals anders die Tendenz in der Berichterstattung zur Ankündigung der Seligsprechung Johannes Pauls II.: vergleichweise umfassend wird das kirchliche Selig- und Heiligsprechungsverfahren ausgebreitet, vor allem auf die Langwierigkeit und Schwierigkeiten im Verfahren hingewiesen und das in Bezug auf Johannes Paul II. beschleunigte Prozedere als Aufweis besonderer Wertschätzung seiner Person hervorgehoben. Die Darstellung des kirchlichen Verfahrensrechts dient der Dramaturgie des Berichteten. Sie verdeutlicht den verfahrensrechtlichen Regelfall, vor dem sich die Ausnahme des Verfahrens Johannes Pauls II. und damit die Ausnahmegestalt des verstorbenen Papstes abhebt. Zugleich mutet das rechtliche Prozedere in der Berichterstattung folkloristisch an. Die Mehrstufigkeit des Verfahrens sowie die erwähnten Verfahrensbestandteile – so z. B. der Aufweis eines mit dem Verstorbenen in Verbindung gebrachten Heilungswunders – werden in die Nähe religiöser Rituale gerückt und weniger als rechtlicher Verfahrensweg präsentiert. Es werden Assoziationen geweckt, die das Recht der Kirche als Teil religiöser Brauchtumspflege erscheinen lassen. In diesem Zusammenhang dargestellt, erscheint Kirchenrecht als liebenswertes Relikt, in dessen Rahmen religiöse Regeln vorliegen, die der ohnehin von den Gläubigen praktizierten Heiligenverehrung gleichsam nachlaufend ein rechtliches Gepräge verleiht.

Thema: Jesus-Buch
Kirchenrechtlicher Gehalt: Lösen von Kirchenstrafen
Tendenz der Berichterstattung: kritisch
Funktion/Rolle des Rechts: Rechtliches als moralisches Unrecht

Thema: Amtsverzicht des Berliner Erzbischofs
Kirchenrechtlicher Gehalt: Amtsverzicht; Annahme des Gesuchs durch Benedikt XVI.; kommissarische Leitung des Erzbistums; Einberufung des Domkapitels zur Wahl eines Diözesanadministrators; Diözesanadministrator: „Dieser leitet das Erzbistum kommissarisch, bis ein neuer Bischof ernannt wird. Er darf keine Entscheidungen treffen, die den neuen Erzbischof binden.“; Ernennung des neuen Erzbischofs durch Papst
Tendenz der Berichterstattung: neutral informierend
Funktion/Rolle des Rechts: Institutionen ordnend, strukturbildend

Thema: Memorandum Freiheit
Kirchenrechtlicher Gehalt: Verbindlichkeit theologischer Aussagen; Zölibatspflicht; Frauenordination; umfassendere Beteilung von Laien an kirchlichen Entscheidungsprozessen
Tendenz der Berichterstattung: kritisch
Funktion/Rolle des Rechts: Recht als reaktionär bewahrend, rückwärtsgewandt

Thema: Forderung nach Abschaffung des Zölibats
Kirchenrechtlicher Gehalt: Zölibatspflicht
Tendenz der Berichterstattung: kritisch
Funktion/Rolle des Rechts: Recht als reaktionär bewahrend, rückwärtsgewandt

Thema: Seligsprechung Johannes Pauls II.
Kirchenrechtlicher Gehalt: Selig- und Heiligsprechungsverfahren
Tendenz der Berichterstattung: folkloristisch
Funktion/Rolle des Rechts: Recht als dramaturgischer Hintergrund/Rahmenhandlung; Recht als religiöse Brauchtumspflege

Ausblick

Die herausgearbeiteten Tendenzen und Funktionszuweisungen an das Recht sind erste Eindrücke, die den subjektiven Filter einer Beobachterin passiert haben. Sie können daher keinesfalls als repräsentative und valide Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie gewertet werden. Um solche zu erhalten, ist es notwendig, eine weit größere Menge an Material zu sichten. Es müssen die Bilder interpretiert werden, die den Texten beigefügt sind, das Videomaterial ausgewertet werden. Es müssen mehrere Filter wirken, d. h. mehrere Augenpaare das Material sichten und bewerten, damit die subjektiven Verzerrungen vermindert werden. Genau das geschieht im Rahmen des Forschungsprojekts „Kirchenrecht in den Medien“. Neben den Ergebnissen der Studie bleibt daher abzuwarten, ob die vorliegend festgehaltenen ersten Beobachtungen sich als Einzelphänomene erweisen oder ihnen ein wiederkehrendes Motiv innewohnt. So erhalten wir umfassendere Kenntnis darüber, wie Kirchenrecht in der öffentlichen Meinung gespiegelt wird; das trägt – in den Worten der Pastoralinstruktion Communio et progressio (1971) dazu bei, „das Denken und Wollen der Gesellschaft sichtbar“ werden zu lassen (Communio et progressio 32; vgl. auch 122) und ein tieferes „Verständnis für die Mentalität und die Menschen unserer Zeit“ (125) zu erhalten. So kann es gelingen, Ansatzpunkte für eine kritische Reflexion darüber zu erhalten, wie es möglich ist, „sich der heutigen Welt verständlich zu machen“.

Juniorprof.in  Dr. Judith Hahn

Mehr Informationen erhalten Sie von Herrn Professor Dr. Thomas Schüller und Herrn Dipl.-Theol. Christian Wode am Institut für Kanonisches Recht, Westfälische Wilhelms-Universität, Münster und von Juniorprofessorin Dr. Judith Hahn, Lehrstuhl für Kirchenrecht, Ruhr-Universität Bochum sowie auf der Homepage www.kirchenrecht-in-den-medien.de.

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By | 28. Jul 2011 | Allgemein | Kommentare deaktiviert für Dokumentation einer explorativen Annäherung an den Forschungsgegenstand