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Dokumentation einer explorativen Annäherung an den Forschungsgegenstand

Das Projekt – ein aussichtsreiches Vorhaben?

Die Frage, ob eine wissenschaftliche Studie erkenntnisreich ist, beschäftigt die bzw. den Forschenden wohl vom ersten Tag an, an dem sie bzw. er mit der Konzeption eines Vorhabens beginnt. Welche Ergebnisse sind zu erwarten? Ohne diese vorwegzunehmen, muss sie oder er – bei aller Offenheit, sich eines Besseren belehren zu lassen – eine Vermutung haben, womit zu rechnen sein wird. Die Vermutung, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Forschungsvorhabens „Kirchenrecht in den Medien“ inspirierten, wird vorliegend zum Gegenstand gemacht. Sie besteht in Bezug auf das konkrete Forschungsvorhaben in der Annahme, dass dem Recht der Kirche in der medialen Berichterstattung bestimmte stereotype Funktionen zugewiesen werden. So könnte, so eine Annahme, in der Berichterstattung über kirchliche Themen das Recht der Kirche als Motiv für das Handeln der Amtskirche eingesetzt werden, das mit dem weniger regelgestützten Handeln der Gläubigen kontrastiert wird. Gleichermaßen wäre denkbar, dass dem Recht eine Schutzfunktion zugesprochen wird; denkt man an die Bedeutung, die den kirchlichen Leitlinien in der Missbrauchsdebatte zukam, liegt nahe, dass Kirchenrecht und die mit ihm verbundene Möglichkeit der Sanktionierung missbräuchlichen Verhaltens positiv konnotiert als eine bedeutende kirchliche Option des Opferschutzes gewertet wird. Vielleicht erscheint Kirchenrecht aber auch als Motiv für die als eigen und anders empfundene binnenkirchliche Ordnung. So wäre denkbar, dass die kirchliche Rechtsordnung als Kontrapunkt zur gesellschaftlichen Ordnung – gesellschaftlich verbreitete Überzeugungen, Wertungen, Meinungen – herangezogen wird und so weniger als genuine Rechtsordnung, vielmehr als Ausdruck einer religiösen Wertordnung in Erscheinung tritt, die einen Gegensatz zum gesellschaftlich etablierten Selbstverständnis bildet. Zum jetzigen Zeitpunkt im Studienverlauf sind solche Überlegungen spekulativ.

Stichprobe

Eine gewisse Plausibilität kann ihnen zugesprochen werden, wenn man solche oder ähnliche Funktionszuweisungen in der Medienberichterstattung stichprobenartig nachzuzeichnen vermag. Ein solcher Versuch wird vorliegend dokumentiert. Am 07. April 2011 habe ich mir auf der Internet-Nachrichtenseite www.tagesschau.de alle Meldungen des laufenden Jahres zum Stichwort „katholische Kirche“ anzeigen lassen. Insgesamt 21 Meldungen wurden aufgeführt: für den Zeitraum April 2011 wurden in den ersten sieben Tagen zwei Meldungen verzeichnet, acht Meldungen beziehen sich auf den Zeitraum März 2011, sechs auf Februar, fünf auf Januar 2011.

Datum Titel der Meldung Art des Beitrags; Verf. [soweit explizit ausgewiesen]
06. April 2011 Immer mehr Katholiken verlassen ihre Kirche Textmeldung
03. April 2011 Opposition unter Bedingungen zu Gesprächen bereit Textmeldung
29. März 2011 Inselbewohner hoffen auf Evakuierung Textmeldung; Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom
18. März 2011 Dürfen Kruzifixe ins Klassenzimmer? Textmeldung; Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom
03. März 2011 „Wichtiger Beitrag im Kampf gegen Antisemitismus“ Textmeldung und Hörbeitrag; Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom
02. März.2011 Missbrauchsopfer rechnen mit geringen Entschädigungssummen Videobeitrag aus dem ARD Morgenmagazin; Michael Stempfle, SWR
02. März.2011 Katholische Kirche will konkrete Summe nennen Textmeldung und eingebettet o. g. Videobeitrag; Michael Stempfle, SWR
02. März 2011 Katholische Kirche will Opfern von sexueller Gewalt bis zu 5.000 Euro zahlen Videobeitrag aus der ARD Tagesschau
02. März 2011 5000 Euro Entschädigung für Missbrauchsopfer Textmeldung
02. März 2011 Katholische Kirche will Opfern von sexueller Gewalt bis zu 5.000 Euro zahlen o. g. gleichnamiger Videobeitrag aus der ARD Tagesschau
24. Febr. 2011 Berliner Erzbischof Sterzinsky zieht sich zurück Link zur rbb Nachrichtenseite, dort Textmeldung
04. Febr. 2011 Theologen wollen Reform der katholischen Kirche Textmeldung
04. Febr. 2011 Reformforderungen: Bischofskonferenz gesprächsbereit Hörbeitrag; Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom
04. Febr. 2011 Bischofskonferenz für mehr Dialog – in Grenzen Textmeldung des o. g. Hörbeitrags von Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom;darin eingebettet Videobeitrag aus der ARD Tagesschau; Jochen Taßler, WDR
04. Febr. 2011 144 Theologieprofessoren fordern tiefgreifende Kirchenreformen und Abschaffung des Zölibats o. g. Videobeitrag aus der ARD Tagesschau; Jochen Taßler, WDR
04. Febr. 2011 144 Theologieprofessoren fordern tiefgreifende Kirchenreformen und Abschaffung des Zölibats o. g. Videobeitrag aus der ARD Tagesschau; Jochen Taßler, WDR
23. Jan. 2011 CDU will auch verheiratete Männer zur Priesterweihe zulassen Videobeitrag aus den ARD Tagesthemen
22. Jan. 2011 Katholische Kirche soll Zölibat überdenken Textmeldung
14. Jan. 2011 Papst Johannes Paul II. wird am 1. Mai seliggesprochen Textmeldung; Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom
14. Jan. 2011 Seligsprechung kommt vor Heiligsprechung Textmeldung; Stefan Troendle, ARD-Hörfunkstudio Rom
01. Jan. 2011 Papst fordert mehr Schutz für Christen Textmeldung

Hinter diesen 21 Meldungstiteln verbergen sich elf Nachrichteninhalte:

  1. Missbrauchsaffäre; konkret: Kirchenaustritte in Folge der Missbrauchsaffäre
  2. Atomausstieg [Bezug zur Kirche: neben Politikerinnen und Politikern fordern auch Kirchenvertreter in der Ethikkommission zur Bewertung der Atomenergie, nämlich der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, und der evangelische Landesbischof von Baden, Ulrich Fischer, den Atomausstieg]
  3. Andrang afrikanischer Flüchtlinge auf Lampedusa [Bezug zur Kirche: Einrichtung einer Kleiderkammer]
  4. Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte im Streit um Kruzifix in öffentlichen Räumen [Bezug zur Kirche: Empörung in italienischer Gesellschaft und Politik im Vorfeld des Urteils; Äußerung des Kardinalstaatssekretärs Tarcisio Bertone, dass öffentliche Räume in vielfältiger Weise durch christliche Symbole geprägt seien]
  5. Jesus-Buch Benedikts XVI.; „Papst Benedikt XVI. ist in seinem neuen Buch einen Schritt auf das Judentum zugegangen. Er lehnt darin die These ab, wonach die Juden kollektiv für den Tod Jesu verantwortlich seien. Aus der jüdischen Welt bekommt Benedikt Applaus für diese Äußerungen. Der Vatikan hat diese zentrale Passage des Buches bereits vorab veröffentlicht.“
  6. Missbrauchsaffäre; konkret: kirchliche Entschädigung von Missbrauchsopfern (fünf Meldungen; davon zwei Text-, drei Videobeiträge; zu beachten: Doppelungen)
  7. Amtsverzicht des Berliner Erzbischofs Sterzinsky
  8. Memorandum Freiheit (fünf Meldungen; davon zwei Text-, zwei Video- und ein Hörbeitrag; zu beachten: Doppelungen)
  9. Brief von CDU-Politikerinnen und -politikern an deutsche Bischöfe mit Forderung nach Abschaffung des Zölibats (zwei Meldungen; davon ein Text- und ein Videobeitrag)
  10. Ankündigung der Seligsprechung Johannes Pauls II. (zwei Meldungen)
  11. Neujahrsmesse im Petersdom; konkret: Papstaufruf zum Schutz koptischer Christinnen und Christen in Ägypten nach Anschlag auf koptische Kirche

Nicht alle Nachrichtengehalte verfügen über einen Bezug zu einer kirchenrechtlichen Materie. Zwar ist der Topos Kirchenaustritt ein grundsätzlich kirchenrechtlich bedeutsamer, im Bericht über die Kirchenaustritte in Folge der Missbrauchsaffäre findet dieser Bezug aber keine Erwähnung. Für die kirchenpolitisch bedeutsame Forderung des Atomausstiegs erweist sich das Kirchenrecht hingegen als irrelevant, ebenso für die Nachricht über die Einrichtung einer kirchlichen Kleiderkammer für afrikanische Flüchtlinge in Lampedusa. Staatskirchenrechtlich brisant ist das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte im Streit um die Anbringung des Kruzifix’ in öffentlichen Räumen ohne Zweifel, allerdings wird in der Berichterstattung darauf nicht eingegangen. Vielmehr wird die Empörung italienischer Bürgerinnen und Bürger, Politikerinnen und Politiker wiedergegeben. Als Vertreter der Kirche kommt Kardinalstaatssekretär Bertone zu Wort, allerdings nicht in seiner kirchenrechtlich bedeutsamen Funktion als Kardinalstaatssekretär, sondern vielmehr als öffentliche Person, die sich mit der Institution Kirche und Vatikan identifizieren lässt. Der Bericht über die Entschädigung von Missbrauchsopfern kommt ebenso ohne kirchenrechtlichen Bezug aus, wenngleich dem Kirchenrecht in der Debatte um den Missbrauch, um Prävention und Ahndung begangener Straftaten eine nennenswerte Rolle zugewiesen wurde. Frei von kirchenrechtlichem Belang ist auch der Bericht über den Aufruf des Papstes in der Neujahrsmesse, koptische Christinnen und Christen in Ägypten vor weiteren Anschlägen zu schützen.

Als ertragreicher erweisen sich die weiteren fünf Nachrichtenkomplexe. In der Berichterstattung über das neue Jesus-Buch des Papstes steht Kirchenrecht nicht im Zentrum, am Rande wird im Rahmen des Berichts auf die Zurücknahme der Exkommunikation gegenüber dem exkommunizierten Bischof der Piusbruderschaft und Holocaust-Leugner Richard Williamson Bezug genommen. Der Amtsverzicht des Berliner Erzbischofs Sterzinsky löst ungleich größeren kirchenrechtlichen Informationsbedarf aus. So wird in Grundzügen der Gegenstand des Amtsverzichts und dessen Annahme durch den Papst, die Frage der kommissarischen Leitung eines Erzbistums, die Notwendigkeit der Einberufung des Domkapitels zur Wahl eines Diözesanadministrators (Diözesanadministrator: „Dieser leitet das Erzbistum kommissarisch, bis ein neuer Bischof ernannt wird. Er darf keine Entscheidungen treffen, die den neuen Erzbischof binden.“) und die Ernennung eines neuen (Erz)Bischofs angesprochen. Im Rahmen der Berichte über das von Theologieprofessorinnen und -professoren verfasste Memorandum Freiheit „Kirche 2011 – Ein notwendiger Aufbruch“ wird die Frage der Verbindlichkeit lehramtlich fixierter theologischer Aussagen angesprochen. Explizit als potentielle Reizthemen werden die Diskussion um die Zölibatspflicht, die Frage der Frauenordination und die Forderung nach umfassenderer Beteilung von Laien an kirchlichen Entscheidungsprozessen angesprochen, drei Themenkomplexe mit unmittelbarer kirchenrechtlicher Berührung. Die Zölibatspflicht und die Möglichkeit ihrer Aufhebung ist gleichermaßen Kern der Meldung über die Forderung nach Abschaffung des Zölibats aus Kreisen namhafter CDU-Politikerinnen und -politiker, die unter anderem von der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan, dem Bundestagspräsident Norbert Lammert und den ehemaligen CDU-Ministerpräsidenten Dieter Althaus, Bernhard Vogel und Erwin Teufel erhoben wurde. Im Bericht über die Ankündigung der Seligsprechung Johannes Pauls II. werden im Beitrag „Seligsprechung kommt vor Heiligsprechung“ (Stefan Troendle, ARD-Hörfunkstudio Rom) einzelne Aspekte der kirchlichen Verfahren herausgegriffen und vorgestellt.

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By | 28. Jul 2011 | Allgemein | Kommentare deaktiviert für Dokumentation einer explorativen Annäherung an den Forschungsgegenstand