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Doch keine Messdienerinnen?

Eine alte, längst entschiedene Streitfrage mit neuer Aktualität

26. Januar 2012

Sie sind aus den liturgischen Feiern in der katholischen Kirche in den deutschsprachigen Diözesen nicht mehr wegzudenken: die vielen, engagierten und motivierten Messdienerinnen, die zusammen mit ihren männlichen Kollegen treu ihren Dienst am Altar Woche für Woche ausüben, geschätzt 250.000 Mädchen und junge Frauen. In den meisten Bistümern wurden hierfür in den letzten Jahren eigene Referate für Ministranten-und Ministrantinnenpastoral errichtet, die wertvolle Unterstützung in der geistlichen und liturgietheologischen Ausbildung der Jungen und Mädchen, die den Altardienst verrichten, leisten. Die Weltjugendtage als große inszenierte Treffen von katholischen Jugendlichen wären ohne diese engagierten jungen Christinnen und Christen aus den deutschen Diözesen nicht das, was sie sind.

Und dann das: immer mehr Diözesanbischöfe in den USA entscheiden, dass ab sofort in ihren Diözesen keine Mädchen und Frauen als Messdienerinnen mehr beginnen bzw. ihren Dienst fortsetzen dürfen. So aktuell geschehen in den Diözesen Arlington, Lincoln und Phönix, um nur einige Beispiele zu nennen. Diese Entscheidungen lösen Proteste bei den Betroffenen und ihren Eltern aus. Die von Jesuiten in den USA herausgegebene Zeitschrift „America“ (→ www.americamagazine.org) startete eine Solidaritätskampagne im Oktober 2011 mit dem bezeichnenden Titel: „Save the altar girls“. Man wird erinnert an die nach dem Inkrafttreten des Codex Iuris Canonici von 1983 leidenschaftlich in der Kirchenrechtswissenschaft geführte Diskussion, ob das neue kirchliche Gesetzbuch im Unterschied zu seinem Vorgänger aus dem Jahr 1917 das Verbot des Altardienstes für Frauen aufgehoben habe. Gegner und Befürworter standen sich unversöhnlich gegenüber. In einer solchen Situation ist es gut, dass in der Behördenstruktur des Apostolischen Stuhls mit dem Päpstlichen Rat für die Auslegung von Gesetzestexten (PCLT) eine kirchenrechtlich kompetente päpstliche Behörde existiert, die solche umstrittenen Auslegungsprobleme von kirchenrechtlichen Normen einer für die ganzen Weltkirche verbindlichen Lösung zuführen kann.  Dies geschah am 30. 06. 1992. Mit Bezugnahme auf c. 230 § 2 CIC entschied diese Behörde, dass zu den liturgischen Diensten gemäß c. 230 § 2 CIC, die sowohl von Männern als auch von Frauen ausgeübt werden können, auch der Dienst am Altar gehöre. Dies müsse jedoch gemäß den vom Heiligen Stuhl hierzu erlassenen Normen in Form einer Instruktion geschehen. In c. 230 § 2 CIC heißt es: „Laien können aufgrund einer zeitlich begrenzten Beauftragung bei liturgischen Handlungen die Aufgabe des Lektors erfüllen; ebenso können alle Laien die Aufgaben des Kommentators, des Kantors oder andere Aufgaben nach Maßgabe des Rechtes wahrnehmen.“ Im alten Kodex hatte der c. 813 § 2 CIC/1917 den Altardienst von Frauen noch ausdrücklich verboten. Bei den Beratungen um den Nachfolgekanon im Gesetzbuch von 1983 (c. 906 CIC) versuchten einige Berater, dieses Verbot fortzuführen, setzten sich aber nicht durch, weil der päpstliche Gesetzgeber bereits 1973 Frauen den liturgischen Dienst der Kommunionhelferin eröffnet hatte. Darauf verwies die Mehrheit der Berater und setzte sich mit dieser Position durch.

Nachdem der Päpstliche Rat für die Auslegung von Gesetzen 1992 seine Entscheidung getroffen hatte, atmeten die Bischöfe in den deutschsprachigen Diözesen auf, denn sie sahen sich mehrheitlich in ihrer Auffassung und längst etablierten Praxis bestätigt, Mädchen und junge Frauen als Messdienerinnen zuzulassen. Doch es stand noch die Forderung des PCLT im Raum, für den Altardienst von Frauen entsprechende Normen zu erlassen. Zuständig hierfür war die sog. Sakramentenkongregation, die diesem Auftrag mit zeitlicher Verzögerung am 15. 03. 1994 (abgedruckt in: AAS 86 (1994), 541-542) nachkam. Tenor dieser Instruktion war zunächst, dass c. 230 § 2 CIC keine Verpflichtung für die Diözesanbischöfe aufstelle, ganz im Gegenteil, allein sie hätten nach Anhörung der für ihn zuständigen Bischofskonferenz die Vollmacht, wie klugerweise in dieser Frage des Altardienstes von Frauen vorzugehen sei. Ungewöhnlich für jüngere römische Erlasse ist dann ein weiterer Hinweis der Sakramentenkongregation, der Heilige Stuhl respektiere stets die von einigen Bischöfen aus – so wörtlich – „ortsgebundenen Erwägungen“ getroffene Entscheidung in dieser Frage. Gleichzeitig erinnert diese römische Behörde daran, die edle Tradition von Jungen als Messdiener fortzuführen. Denn diese habe bekanntlich die Berufungen von Männern zu Priestern befördert und von daher sei Messdienern und ihren Gruppen eine besondere pastorale Sorge angedeihen zu lassen. Die Deutsche Bischofskonferenz erklärte umgehend am 25. 04. 1994 ihr Einverständnis zum Dienst von Messdienerinnen. Auffallend war dennoch, dass in einigen deutschen Bistümern (Augsburg, Eichstätt, Rottenburg-Stuttgart, Köln) die Diözesanbischöfe in einem diözesanen Gesetz mit Bezugnahme auf diese Instruktion der Sakramentenkongregation verfügten, dass Messdienerinnen in den Pfarreien ihres Bistums ihren liturgischen Dienst ausüben können. Es ist auch im Moment für den deutschsprachigen Raum nicht zu erkennen, dass einer der Diözesanbischöfe eine Änderung an dieser Grundsatzentscheidung aus dem Jahr 1994 vornehmen möchte.

In den Diözesen der USA, in denen verstärkt Mädchen und junge Frauen nicht mehr als Messdienerinnen tätig sein dürfen, taucht das in der Instruktion der Sakramentenkongregation genannte Argument der Berufungspastoral deutlich auf. Dahinter steht wohl die in der katholischen Kirche in bestimmten Kreisen nicht auszurottende Vorstellung, dass der zu frühzeitige Kontakt von Jungen und jungen Männern mit dem weiblichen Geschlecht ein Hindernis für die Berufungspastoral sein könne. Die Hoffnungen in den 90er-Jahren, mit der römischen Entscheidungen zugunsten eines Dienstes von Messdienerinnen wäre ein Schritt hin zu einer gewissen Gleichstellung von Frauen und Männern in der katholischen Kirche gegangen worden, erweisen sich angesichts der aktuellen Entwicklungen in den USA als zumindest teilweise unbegründet. In den betroffenen Diözesen haben diejenigen katholischen Mädchen und jungen Frauen, die Messdienerinnen werden wollen, angesichts der geschilderten Rechtslage keinen Rechtsanspruch, in diesen Dienst aufgenommen zu werden, geschweige denn, diesen verweigerten Anspruch vor einem kirchlichen Gericht einzuklagen. Es obliegt allein dem jeweils zuständigen Diözesanbischof, ob er von der in c. 230 § 2 CIC eingeräumten Möglichkeit von Messdienerinnen Gebrauch macht oder nicht. Schlechte Zeiten also für katholische Frauen in den USA. Und so lautet das Motto der Jesuitenkampagne: Save the altar girls – es ist ihnen zu wünschen!

Prof. Dr. Thomas Schüller
Direktor des Instituts für Kanonisches Recht

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By | 26. Jan 2012 | Allgemein | Kommentare deaktiviert für Doch keine Messdienerinnen?