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„Der Papst muss einen Befreiungsschlag unternehmen“

Wie Vatikan-Kenner Prof. Hubert Wolf die Affäre um Benedikt XVI. bewertet

Die Polizei hat mit dem Kammerdiener Paolo G. einen der engsten Vertrauten von Papst Benedikt XVI. wegen des Verdachts des Geheimnisverrats verhaftet. So viel steht fest – ansonsten lässt sich nur schwer abschätzen, wie schwerwiegend die Ereignisse im Vatikan nach der Veröffentlichung vertraulicher Kirchenstaat-Dokumente sind. Mit Prof. Hubert Wolf arbeitet einer der besten Kenner des Vatikans an der Universität Münster. Der Kirchenhistoriker und Leibniz-Preisträger hat bereits seit Jahren Zugang zu Vatikan-Archiven. Norbert Robers sprach mit Hubert Wolf, der zudem Vorstandmitglied des WWU-Exzellenzclusters „Religion und Politik“ ist, über das Ausmaß und die möglichen Folgen der Affäre.

Die einen sprechen von „düsteren Palast-Intrige“, die anderen von „VatiLeaks“. Wie beurteilen Sie die aktuellen Vorgänge im Vatikan?

Aus historischer Perspektive ist es wichtig, auf ein strukturelles Problem hinzuweisen. Denn hier liegt meiner Überzeugung nach der Kern dieser Affäre. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts werden die bis dahin üblichen kollegialen Strukturen abgeschwächt. Es gibt beispielsweise keine Lagebesprechung der Chefs aller Kongregationen mehr – in der Politik würde man von einer Kabinettssitzung sprechen. Dadurch lassen sich viele kommunikative Probleme erklären. Im Fall des Bischofs Richard Williamson wusste beispielsweise der Leiter des Rates für die Einheit der Christen sehr genau, dass Williamson den Holocaust leugnet – der Papst wusste es dagegen nicht. Offenbar sind enge Mitarbeiter des Papstes nicht gut genug eingebunden, wenn es darum geht, gemeinsame Ziele zu definieren und Strategien abzustimmen. Es fehlt an Diskussionsforen, in denen einerseits der interne Informationsaustausch, andererseits aber auch absolute Vertraulichkeit gewährleistet sind.

Vor diesem Hintergrund liegt doch der Schluss nahe, wieder zu einer kollegialen Absprache zurückzukehren, oder?

Der Schluss liegt nahe, aber das bestehende System hat natürlich auch seine Befürworter. Der 85-jährige Papst hat Vertraute um sich herum, die er schon seit seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation kennt. Deren Wille zur Veränderung hält sich in Grenzen. Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, also der entscheidende Mann in der Verwaltung der Römischen Kurie, ist zudem kein geschulter Diplomat, der sich in allen Details auskennt. Er ist kein Politiker oder Jurist, sondern wie der Papst ein Theologe.

Hat der Papst das Heft des Handelns überhaupt noch in der Hand?

Anders als Paul VI. kommt Benedikt XVI. nicht aus dem Staatssekretariat, sondern aus der in ihrer Größe überschaubaren Kongregation für die Glaubenslehre. Er ist ein genialer Theologe und Philosoph, aber das politische Geschäft ist ihm eher fremd.

Aber er wird wissen, was sich derzeit um ihn herum abspielt?

Ich gehe davon aus, dass er weiß, dass Schriftstücke, die auf seinem Schreibtisch lagen, in der italienischen Presse erschienen sind. Damit muss ihm auch klar sein, dass es ein massives Interesse bestimmter Kreise gibt, diese Dokumente öffentlich zu machen.

Welche Art von Interesse könnte dies sein?

Man will entweder dem Papst persönlich oder dem Kardinalstaatssekretär schaden.

Der Kammerdiener des Papstes hat offenbar Zugang zu sensiblen Akten und Informationen. Wird eine solche Person nicht ebenfalls überwacht?

Das sind natürlich absolute Vertrauensstellungen. Üblicherweise besetzt der Papst eine solche Position nur auf Empfehlung – und auf eine solche muss er sich auch verlassen können. In der frühneuzeitlichen Geschichte hieß es immer: Wenn der Papst stirbt, stirbt der Koch mit ihm. Der Vatikan ist in seiner Struktur weniger mit einem modernen Regierungsapparat zu vergleichen, sondern mehr mit einem System, das auf eine Person konzentriert ist.

Mit welchen Folgen?

Entscheidend ist die Frage des Zugangs: Nur wer zum Papst vorgelassen wird, kann Einfluss ausüben. Jetzt stellt sich die Frage, ob die Kurie in Bezug auf Kollegialität und Transparenz zu Reformen bereit ist – Versuche in diese Richtung gab es bereits. Eine wöchentliche Kabinettssitzung, in der der Papst die Leiter aller Kongregationen trifft, wäre beispielsweise der passende Rahmen, um anstehende Entscheidungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten.

Wird das eine Konsequenz aus dieser Affäre sein?

Das ist schwer zu prognostizieren. Fest steht für mich allerdings, dass der Papst davon profitieren würde, mehr Informationen zu bekommen – seine Entscheidungen stünden auf einem festeren Fundament. Derzeit können wir nur raten: Ist es eine Intrige gegen den Papst? Ist es eine Intrige gegen seine kirchenpolitische Ausrichtung? Oder ist es eine Intrige gegen den Kardinalstaatssekretär, dem man möglicherweise unterstellt, dass er bestimmte Personen nicht an den Papst herankommen lassen will? Eine solche Affäre gab es sehr lange nicht mehr.

In der Öffentlichkeit ist derzeit viel die Rede von Günstlingswirtschaft, Machtmissbrauch und Korruption. In diesen Tagen scheinen sich alle (Vor-)Urteile im Zusammenhang mit dem Vatikan zu bestätigen.

Ich würde diese Vokabeln nicht benutzen, sondern neutraler von Unprofessionalität sprechen. In nahezu jedem Unternehmen gibt es ein System, das sicherstellt, dass die entscheidenden Personen über alle wichtigen Prozesse auf dem Laufenden sind und diese dann auch vertraulich behandeln – genau das existiert im Vatikan nicht. Erschwerend kommt natürlich die Fülle an Informationen hinzu: In den 20er Jahren hatte der Vatikan nur zu circa 20 Ländern diplomatische Beziehungen – heute sind es in etwa 180 Staaten. Die Anfragen und Probleme, die aus diesen Ländern kommen, müssen verarbeitet und an der Spitze entschieden werden. All das fällt naturgemäß einem politisch und diplomatisch geschulten Personenkreis leichter als reinen Theologen.

Hat der Papst noch die Kraft und den Willen, diese gewaltige Strukturreform anzugehen?

Ich bin davon überzeugt, dass Papst Benedikt XVI. angesichts dieser Lage einen Befreiungsschlag unternehmen muss. Er wird bestimmte personelle Entscheidungen überdenken und für die Zukunft Sicherungssysteme einbauen müssen. Andernfalls läuft es auf die Demontage dieses Pontifikates hinaus.

Quelle:
wissen | leben, Die Zeitung der WWU Münster – Ausgabe: Juni/2012

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By | 20. Jun 2012 | Allgemein | Kommentare deaktiviert für „Der Papst muss einen Befreiungsschlag unternehmen“